Bericht zur BEA-Sitzung zum Thema (Cyber)Mobbing vom 22.05.2017

Die BEA-Sitzung vom 22.05.2017 hatte Cybermobbing als Hauptthema. Vorgestellt wurden aktuelle Studien zu dem Thema und Handlungsempfehlungen für betroffene Eltern und Schulen von Oliver Raum (Schulpsychologe aus dem Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum Marzahn-Hellersdorf – SIBUZ) und aus der Praxis von Andreas Schulz (Schulleiter des Wilhelm-von-Siemens-Gymnasiums).

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Im Jahre 2010/2011 kochte das Thema Cybermobbing erstmalig in einer eigenen Plattform namens „iShareGossip“ (auf deutsch: Ich teile Klatsch) an den Schulen richtig hoch. Es gab eine zentrale Anlaufstelle, um Drohungen, Beschimpfungen und Lügen zu verbreiten. Die Seite wurde am 11. Juni 2011 gehackt und ist seitdem verschwunden. Mittels WhatsApp, Facebook, Instagram, Telegram, Threema und Co. sind Hass- und Beichtseiten mittlerweile dezentraler angelegt und nicht mehr so leicht zu finden. Zumindest nicht für Lehrkräfte und Eltern.

Das Bündnis gegen Cybermobbing (http://www.buendnis-gegen-cybermobbing.de/) hat kürzlich eine Studie mit dem Titel „Cyberlife II - Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr - Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern - Zweite empirische Bestandsaufnahme bei Eltern, Lehrkräften und Schülern/ innen in Deutschland“ vorgestellt und veröffentlicht. Das ist die zweite Studie zum Thema aus diesem Haus und kann daher mit Ergebnissen aus einer Studie von 2013 verglichen werden. Während der Einführung in das Thema stellten Norman Heise und Oliver Raum verschiedene Ergebnisse aus dieser und einer weiteren aktuellen Studie vor.

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Abbildungen aus Cyberlife II - Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr - Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern - Zweite empirische Bestandsaufnahme bei Eltern, Lehrkräften und Schülern/ innen in Deutschland

47% der Eltern (3% mehr als 2013) fühlen sich gut informiert, z. B. auch über die strafrechtlichen Folgen von Cybermobbing, Cyberstalking, Cybercrime und sexuelle Gewalt im Netz. Die Zahl der Betroffenen ist im Vergleich zu 2013 angestiegen. Am meisten betroffenen ist die Altersgruppe der 14-jährigen mit 17% (7% mehr als 2013). Die Aktivitäten der Schulen haben sich laut der Studie ebenfalls verbessert. 50% der befragten Eltern haben angegeben, dass die Schule ihres Kindes regelmäßig Informationsveranstaltungen zum Thema Cybermobbing organisiert (24% mehr als 2013). Eine kurze Abfrage bei den anwesenden BEA-Mitgliedern ergab, dass dies nur an einer der Schulen der Anwesenden der Fall war (der Schule unseres zweiten Referenten).

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Abbildungen aus Cyberlife II - Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr - Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern - Zweite empirische Bestandsaufnahme bei Eltern, Lehrkräften und Schülern/ innen in Deutschland

Die Studie zeigt weiterhin, dass die Schüler_innen mit zunehmendem Alter auch über eigene internetfähige Endgeräte verfügen. Bei den 7-jährigen sind es noch rund 25% bei den 14-jährigen fast 100%. Damit verbunden ist auch eine deutliche Zunahme bei der Nutzung von Onlinediensten. Die Nutzung von Instant-Messengern (WhatsApp, Skype und Co.) liegt bei 83%, eine Zunahme um 49% gegenüber 2013.

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Abbildung aus Cyberlife II - Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr - Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern - Zweite empirische Bestandsaufnahme bei Eltern, Lehrkräften und Schülern/ innen in Deutschland

Deutlich wird aus der Studie ebenfalls, dass die Schüler_innen mit zunehmendem Alter weitgehend unbeaufsichtigt im Internet unterwegs sind. Zitat aus der Studie: „Werden Kindern, im Alter bis 10 Jahren noch zu über zwei Drittel bei ihrer Internetnutzung Grenzen gesetzt, liegt dieser Anteil bei 11 bis 14-Jährigen nur noch bei etwa 50% und bei 15 bis 18-Jährigen nur noch bei ca. einem Drittel. Der Anteil der Eltern, der den Internetkonsum seiner Kinder nicht begleitet, liegt bei über 70%, wobei schon die Hälfte (!) der 7-10 Jährigen alleine online ist. Zudem bestätigen über die Hälfte der Eltern, sich grundsätzlich nicht in die Internetnutzung ihres Kindes einzumischen.“

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Abbildungen aus JIM Studie 2016

Auch die aktuelle JIM-Studie (https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2016/) bestätigt die Zahlen zum Nutzungsverhalten und Verfügbarkeit der eigenen Endgeräte. In dieser Studie wird deutlich, dass Mädchen in sozialen Netzwerken teilweise deutlicher aktiver sind, als Jungen. Im Vergleich des vom Cybermobbingbetroffenseins zeigt sich zwischen Jungen und Mädchen aber kein unterschiedliches Bild. Im Durchschnitt ist 1% der Jungen mehr betroffen als die Mädchen. Beim Thema Cybermobbing zeigt die Studie, dass sich im Fall des Falles die Mehrzahl Hilfe bei Eltern (im Durchschnitt ca. 60%) und Freunden (im Durchschnitt ca. 40%) holen würde. Bei Lehrkräften (im Durchschnitt ca. 12%) würde weniger um Hilfe gefragt.

Das Thema ist mittlerweile auch in den Medien angekommen. Der Fernsehsender Sat.1 hat dazu eine Themenwoche durchgeführt, u.a. mit dem Fernsehfilm „Nackt. Das Netz vergisst nie.“ Auch die Netflix-Serie „13 Reasons Why“ (in Deutschland: Tote Mädchen lügen nicht) befasst sich mit dem Thema.

Wie können Eltern ihr Kind bei Cybermobbing unterstützen?

Besonders wichtig ist es ein offenes Ohr für sein Kind zu haben und sein Selbstwertgefühl wieder zu steigern. Man kann und sollte sich wehren, aber ohne dabei selber zu Gewalt und Lügen zu greifen. Cybermobbing-Attacken sollten dokumentiert und gesichert werrden, um u.a. bei der Erstattung von polizeilichen Anzeigen Beweismaterial vorlegen zu können. Cybermobbing-Attacken sollten dann auch bei und von Providern und Plattformverantwortlichen gemeldet, blockiert und gelöscht werden. Die Empfehlung für eine Erste-Hilfe-App und weiterführende Links finden Sie in den Linkempfehlungen am Ende der Seite.

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Herr Schulz, Schulleiter des Wilhelm-von-Siemens-Gymnasiums ergänzt aus der Sicht seiner Schule die Eindrücke aus der Praxis. Er führt aus, dass gelernte Regeln aus Klasse 7 oft schon Klasse 8 über Bord geworfen werden. Mobbing lässt sich per Verbot für die Schulzeit verhindern und muss fester Bestandteil im Unterricht werden, damit Kinder wissen, wie sie sich verhalten müssen. Ein regelmäßiger Austausch mit der Schülervertretung kann Hinweise auf Probleme und/oder vorhandene Hass- und Beichtseiten bringen, da Schulen meist erst von Cybermobbing erfahren, wenn das Problem für das Opfer so groß ist, dass es zum ganzheitlichen Leistungsabfall und zur Schulverweigerung kommt. Er wünscht sich die Etablierung eines Krisenteams an jeder Schule. Aktuell gibt es hier Defizite und die Kolleg_innen in Krisenteams sollten regelmäßig fortbilden lassen.

Regionale Fortbildung und Fortbildner_innen zum Thema Cybermobbing

Wir haben bei der regionalen Fortbildung im Verbund 1 (zuständig für Marzahn-Hellersdorf) abgefragt, wie man zu dem Thema aufgestellt ist. Hier die Antwort:

Gern gebe ich Ihnen einen kurzen Überblick aus der Sicht der regionalen Fortbildung im Verbund 1:

In unserem Verbund haben wir für den Bereich Cybermobbing keine/n individuelle/n Schulberater/-in benannt, da wir seit einigen Jahren in Teamstrukturen arbeiten. Alle Teams bieten Fortbildungs- und Beratungsangebote auf der Grundlage des gesamtstädtischen Schwerpunktes an und arbeiten größtmöglich bedarfsorientiert. Insbesondere die überfachlichen Teams, wie das Team Soziales Lernen oder das Team Schulentwicklung und ggf. das Team PART haben diesen Themenbereich in ihrem Portfolio. Da ab dem kommenden Schuljahr der neue Rahmenlehrplan für Berlin in Kraft tritt, steht der Themenbereich Medienbildung für alle (ca. 82) Schulberater/-innen besonders im Blickpunkt. Wir haben deshalb ein neues interdisziplinäres Team „Mathematik und Medien“ gebildet, in dessen Aufgabenbereich auch Cybermobbing fällt.

Sofern Bedarfe oder Anfragen aus den Schulen zum Thema Cybermobbing aus Schulleitungssitzungen oder einzelnen Schulen an uns herangetragen werden, werden die entsprechenden Teams beauftragt, diesen Bedarf abzudecken. In der Regel erfragen die Schulberater/-innen sehr konkret, welche Ziele die Fortbildung haben soll und konzipieren diese passgenau. Zum Thema Cybermobbing haben wir bspw. in den vergangenen Schuljahren folgende regionale, regionenübergreifende oder schulinterne Veranstaltungen durchgeführt, die alle online unter www.fortbildung-regional.de für das pädagogische Personal in ganz Berlin sichtbar und buchbar sind:

  • Krisenteamfortbildung Mobbing und Cybermobbing
  • Fachtagung: Cyber-Mobbing ist nicht cool
  • Cybermobbing, Soziale Netzwerke, Datenschutz und Onlinesucht
  • Mobbing/Cybermobbing/Soziales Lernen
  • Cybermobbing – was tun?
  • Cybermobbing
  • Cybermobbing – Vertiefungskurs
  • Cybermobbing erkennen und angemessen handeln

Sofern externe Referent/-innen gewünscht werden, stellen wir diese unter Verwendung von Honorarmitteln und der Berücksichtigung der LHO ebenfalls zur Verfügung.

Downloads

pdficon large Präsentation von Oliver Raum zum Herunterladen

pdficon large Info-Broschüre zur Erste-Hilfe-App zum Herunterladen

Linkempfehlungen

Schau hin - https://www.schau-hin.info/extrathemen/cybermobbing.html

Erste Hilfe-App bei Cybermobbing - http://www.klicksafe.de/service/aktuelles/klicksafe-apps/

Selbstschutz-Portal von Jugendlichen für Jugendliche - http://juuuport.de/

Handreichung „Cybermobbing ist nicht cool“ des Landesinstitutes Schule und Medien Berlin-Brandenburg - http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/uploads/media/Cyber-Mobbing_ist_nicht_cool_2017.pdf

Recht und Gesetz zum Thema Cybermobbing - http://www.netz-gegen-cybermobbing.de/?page_id=237

13 Reasons Why Not – deutsche Youtuber sprechen über ihre Erfahrungen mit Depressionen und wollen damit anderen Betroffenen Mut machen - http://www.jetzt.de/netzteil/hashtag-13reasonswhynot-youtuber-berichten-vom-weg-aus-der-depression

Video: Mobbing in der Schule auflösen: Der No Blame Approach - https://www.youtube.com/watch?v=rOi0H_cJM3Y

Artikel aus Zeit Online: Ist doch nicht so schlimm, machen doch alle
Jeder zehnte deutsche Schüler wurde online schon gemobbt. Eine aktuelle Studie zeigt: Eltern, Lehrer und Schüler kennen zwar das Problem, aber zu selten Lösungswege.
http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2017-05/cybermobbing-mobbing-studie-praevention/komplettansicht